Dienstag, 7. Mai 2013

Im Kosmos der Yoko Ono

Eintreten, ausprobieren und ehe man es sich versieht, ist man mittendrin. Wie die japanische Konzeptkünstlerin das schafft? Durch die Beteiligung der Betrachter – gewollt oder ungewollt. Nicht immer lässt sie den Besuchern eine Wahl. Oder vielleicht doch? Schon der Eingang zur „Half-a-Wind Show“ in der Frankfurter Schirn macht es deutlich: Drehtür oder Perlenvorhang? Beides ist möglich, der Ausgang (bzw. Eingang) ungewiss. Das geht weiter mit Entscheidungen wie Hand rein stecken in die „Danger Box“ oder nicht? Sich in den durchsichtigen Irrgarten wagen oder besser draußen bleiben? Die Konfrontation aufnehmen beim „White Chess Set“, dessen Schachfiguren alle weiß sind, oder aufgeben? Das ist die humorige Seite Yoko Onos. Ernster wird es zum Beispiel bei der Installation „Cricket Memories“, ein Mahnmal für die katastrophalen Verluste im Leben. Wer mag, kann eigene Erfahrungen in einem Buch niederschreiben. Ein Appell für ein friedliches Miteinander – auch das ist Yoko Ono.

Die vielen Facetten der Yoko Ono – mal humorvoll, mal politisch, mal feministisch, mal poetisch ... 






























Sie liefert uns Anregungen, fordert uns heraus, will das wir teilhaben, aber letztendlich bleibt es uns selbst überlassen, inwieweit wir einsteigen. Ich bin eingestiegen, habe in diesen drei Stunden einiges hinterfragt, mich aber auch köstlich amüsiert. Wollt ihr eine kluge Frau kennenlernen, mehr über euch selbst und Yoko Ono wissen und dazu eine tolle Ausstellung sehen – dann besucht „Half-a-Wind Show. Eine Retrospektive“ und lasst euch treiben im Kosmos der Yoko Ono. Leider nur noch bis 12. Mai.

Alle, die es nicht mehr rechtzeitig nach Frankfurt schaffen, können sich die von der Schirn konzipierte Ausstellung auch in Dänemark (Louisiana Museum of Modern Art, 7. 6. 2013 - 29. 9. 2013), Österreich (Kunsthalle Krems, 20. 10. 2013 - 23. 2. 2014) oder Spanien (Guggenheim Museum Bilbao, 18. 3. 2014 - 17. 9. 2014) ansehen.

Bildnachweis/Photocredit: 
Yoko Ono, Porträt 2013, Copyright Schirn Kunsthalle Frankfurt 2013, Foto: Gaby Gerster 
Imagine, Strawberry Fields New York, März 2013, Foto: Jutta Kautny
Restliche Abbildungen: Half-a-Wind Show, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Mai 2013, Fotos: Jutta Kautny

 

Donnerstag, 4. April 2013

Thomas Schüttes „United Enemies“ im Central Park












































Thomas Schütte in NYC
Ob es einen Zusammenhang zwischen „United Enemies“ und 
United States gibt, wurde Thomas Schütte in New York während des Artist Talks gefragt. Der 59-jährige Wahl-Düsseldorfer schmunzelte und verneinte. Die Idee zur Serie, wie auch der Name, sei ihm während eines Aufenthalts in Rom eingefallen. Damals (1992) hingen überall in der Stadt Plakate mit Benetton-Werbung und dem Slogan „United Colors of Benetton“. So einfach gestaltet sich manchmal die Namensfindung. Und doch so passend, denn sie lässt Spielraum für Interpretationen. Genau wie die Skulpturen der „United Enemies“ Serie.

Nach Turin und London erheben sich jetzt die jeweils fast vier Meter hohen Bronzeskulpturen auf der Doris C. Freedman Plaza, an der Ecke Central Park South und 5th Avenue. Schön sind sie nicht, aber beeindruckend und auf eigene Art faszinierend. Kaum ein Passant, der sich nicht nach ihnen umdreht. Einige bleiben sogar stehen, um sich die „merkwürdigen“ Skulpturen genauer anzusehen. Irgendwie berühren sie etwas in uns. Vielleicht sind es die viel gerühmten „zwei Seelen in unserer Brust“, die uns immer wieder aufrütteln, Entscheidungen erschweren und uns mal so, mal anders reagieren lassen? Es ist etwas Persönliches, etwas Vertrautes, das die „United Enemies“ ausstrahlen und wer an der südöstlichen Ecke des Central Parks vorbei kommt, sollte sich dafür ein paar Minuten Zeit nehmen.

„United Enemies“ noch bis 25. August 2013 zu Gast in New York, organisiert durch den New Yorker Public Art Fund.

Bildnachweis/Photocredit: Jutta Kautny

Montag, 25. Februar 2013

Du erhältst einen Anruf ...


Obwohl ich hier normalerweise nicht in Tagebuchform schreibe, möchte ich es heute ausnahmsweise tun. Warum? Weil ich glaube, dass meine Geschichte einige von euch interessiert, vielleicht sogar genauso begeistert wie mich und weil es eine richtig schöne Idee ist, über die es sich zu berichten lohnt.

Kürzlich hatte ich Geburtstag und bekam von einer lieben Freundin einen Umschlag mit der Nachricht: Du erhältst einen Anruf. Wieso? Von wem? Was soll das denn sein? Auf mein drängendes Nachfragen erklärte sie mir, dass ich Teil eines Kunstwerks sein werde. Hilfe, ich will nicht irgendwo nackt herumstehen, um danach mit vielen anderen auf einem Foto verewigt zu sein, schoss es mir als Erstes durch den Kopf. Und wenn, dann bitte im sonnigen Süden! Vielleicht plant Yoko Ono etwas? Würde auch Sinn ergeben, denn sie ist gerade in Berlin und hat dazu noch am gleichen Tag wie ich Geburtstag. Ich grübelte, kam aber zu keinem brauchbaren Ergebnis. Der Anhaltspunkt war ja auch mehr als dürftig. Zwei Tage später klingelte mein Telefon und ein Typ aus Berlin meldete sich. Er sei die Galerievertretung von Tino Sehgal und überbringe mir ein Geschenk. In meinem Kopf ratterte es los: Keine Dokumentationen, keine Bilder, keine Materialien, sondern Menschen kreieren Situationen und vermitteln anderen damit besondere Erfahrungen – dafür steht Sehgal. Schließlich hatte ich hier schon einmal über seinen documenta-Beitrag gepostet. Der Anrufer (seinen Namen habe ich leider in der Aufregung nicht mitbekommen, er möge es mir verzeihen) begann mit Erklärungen über eine Kooperation mit dem Kunstmagazin Monopol, den Künstler und seine Arbeiten. Oh, ich platzte fast vor Neugierde, fiel ihm ins Wort (normalerweise bin ich wirklich nicht so unhöflich) und fragte: Was ist das Geschenk? Er antwortete mit einem Lachen: „Ein Wort von 123 Wörtern, die einen Absatz ergeben. Den Inhalt kennt nur der Künstler selbst“. Das Wort wolle er mir nun telefonisch übermitteln. Tat es und verabschiedete sich. Wow! Ich schrieb es schnell auf ein Post-it, denn mir war klar, das war’s und eine schriftliche Bestätigung kommt garantiert nicht. Ein echter Sehgal eben!   

Jetzt bin ich im Besitz eines Wortes, das ich hier natürlich nicht verraten kann, das aber irgendwann mit all den anderen Wort-Besitzern zusammengeführt wird, sodass wir alle erfahren werden, was drin steht in dem Absatz. Ich bin Teil eines Kunstwerks, toll! Ein großes Dankeschön für dieses wunderbare Geschenk.

Für den Fall, dass ihr auch ein Wort kaufen oder verschenken wollt, bei der Monopol-Edition gibt's noch welche. 

Sonntag, 3. Februar 2013

Yoko Ono kommt nach Frankfurt

Mit einem „Invitation Piece“ und einer Aufforderung zum Wünschen lädt sie zur Eröffnung ihrer Ausstellung in die Schirn Kunsthalle Frankfurt – typisch Yoko Ono. Menschen zum Mitdenken, Nachdenken und Handeln auffordern, ist ganz häufig Teil ihrer Kunst. Wer Yoko Ono die Feministin, die Menschenrechtlerin, die Umweltschützerin, die Friedensaktivistin und Musikerin kennt, nicht aber die außergewöhnliche Konzeptkünstlerin, hat ab dem 15. Februar in Frankfurt die Chance. Was euch erwartet? Rund 100 Objekte, Filme, raumfüllende Installationen, Fotos, Zeichnungen und Textarbeiten sowie ein eigener Musikraum, so steht es jedenfalls in der Presseinformation zur Ausstellung. Lassen wir uns überraschen.

Yoko Ono. Half-A-Wind Show. Eine Retrospektive zu sehen vom 15. Februar bis 12. Mai 2013 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt


Bildnachweis/Photocredit: Jutta Kautny

Sonntag, 9. Dezember 2012

Fremd und doch vertraut – Hiroshi Sugimotos Revolution


Hiroshi Sugimoto, Revolution 001, 1990, N. Atlantischer Ozean, 
Neufundland, Silbergelatineabzug, 239 x 119.5 cm
Kennt ihr die Aufnahmen von Meerlandschaften, in die man eintauchen und am liebsten nie wieder auftauchen möchte? Der Japaner Hiroshi Sugimoto macht seit Jahrzehnten solche Bilder. Mit seiner analogen Kamera aus den 1970er Jahren harrt er manchmal viele Stunden am Meer aus, um per Langzeitbelichtung das einzufangen, was uns daran so fasziniert – Weite und Unendlichkeit. Diese Aufnahmen haben ihn berühmt gemacht. Jetzt präsentiert uns der 66-Jährige im Münchner Museum Brandhorst eine andere Meerlandschaft. Eine dunkle, mystische, aber nicht minder spannende. 

Revolution hat er die Ausstellung genannt. Irgendwie ist es eine, keine gesellschaftliche dafür eine ganz persönliche. Die Arbeiten wurden im Hochformat gehängt und drängen einem so einen anderen Blickwinkel auf. Nichts ist, wie es zu sein hat. Beim Betrachten neigt man immer wieder den Kopf nach links oder rechts, um sich die Realität zurückzuholen, um zu begreifen. Das ist wohl im Sinne des Japaners, der zwischen New York und Tokio pendelt und uns hier teilhaben lässt an seinem west-östlichen Dialog, an einer anderen Sicht auf Vertrautes.

Sugimoto überlässt nichts dem Zufall und seine Inszenierung im Museum Brandhorst ist geglückt. Die Ausstellung wirkt mystisch, und obwohl sie eine enorme Ruhe ausstrahlt, macht sie unruhig. Woran das liegt? An dem ungewohnten Blickwinkel? An dem Verstehen wollen? Das könnt ihr ja bei einem Besuch selbst herausfinden. Es lohnt sich! Zur Beruhigung: Am Ende verabschiedet sich Sugimoto mit zwei Querformaten. Da stimmt der Horizont und die Realität hat uns wieder.

Hiroshi Sugimoto. Revolution noch bis 10. Februar 2013 im Museum Brandhorst.

Bildnachweis/Photocredit: Copyright 2012 Hiroshi Sugimoto

Sonntag, 16. September 2012

Popeye, Hummer, Hulk & Co. zu Gast in Frankfurt, Teil 2

Jeff Koons, Popeye Train (Crab), 2008, Popeye, Öl auf Leinwand, 274,3 x 213,4 cm

Spontan erwachen Kindheitserinnerungen: Popeye ist ein toller Typ, ein echter Held und natürlich – Spinat ist gesund (die allerdings gehört eher zu den unangenehmen). Überlebensgroß, das Gemälde misst immerhin rund 2,70 Meter in der Höhe und ist über 2 Meter breit, baut sich hier in der Ausstellung der Frankfurter Schirn ein Relikt aus Kindheitstagen vor einem auf. Der Macher selbst, Jeff Koons (57), hat die Comicfigur vor einigen Jahren im Zimmer seines Sohnes entdeckt und zum Motiv auserkoren, wie er im Interview in der September-Ausgabe der Vogue erzählt. Aber das ist nur der erste Eindruck.Bei genauerem Hinsehen erkennt man sehr viel mehr, zum Beispiel ein Panzer-Tatoo auf dem muskelbepackten Oberarm. Und plötzlich verliert der Kerl seine Leichtigkeit, die Kindheitserinnerungen verflüchtigen sich. Da nützt es auch nichts, dass Popeye vor verschiedenen, farbenfrohen Bildebenen zu schweben scheint, die geballte Faust signalisiert etwas anderes. Ein Wechselbad der Gefühle, das sich nicht nur bei „Popeye“ auftut, sondern auch bei anderen Arbeiten. Dazu muss man gar nicht viel über Jeff Koons wissen, sondern sich einfach nur Zeit nehmen, die Wahnsinns-Farbwelten beiseiteschieben und hinsehen. Er lässt uns staunen über seine frühen Arbeiten „Luxury & Degradation“, schmunzeln bei der Serie „Made in Heaven“, die nur Volljährige besuchen dürfen, und überrascht uns mit seinen neuen Werken der Reihe „Antiquity“. Alles ganz im Sinne des Künstlers, der sich wünscht, dass wir „... uns von unseren Ideen und Gefühlen tragen lassen ...“ (Interview Vogue, September 2012). Jeff Koons hat viele Facetten und selten waren sie so umfassend an einem Ort zu sehen wie derzeit in der Frankfurter Schirn. „Jeff Koons. The Painter“ läuft noch bis 23. September. Also sputet euch!Bildnachweis/Photocredit: Privatsammlung, Courtesy Gagosian Gallery, Copyright Jeff Koons, Foto: Rob McKeever

Dienstag, 4. September 2012

Hummer, Popeye, Hulk & Co. zu Gast in Frankfurt, Teil 1


Was da so lässig von der Decke hängt und aussieht als warte es auf den nächsten Badeausflug, hat ganz schön für Furore gesorgt. Denn erstens sind die „niedlichen Tierchen“ aus Metall und wiegen in Wirklichkeit mehr als eine halbe Tonne, zweitens stammen sie von dem amerikanischen Künstler Jeff Koons und drittens gehören sie zu einer Ausstellung im Frankfurter Liebieghaus. In dem romantischen Skulpturenmuseum am Mainufer erlebt der Besucher normalerweise altägyptische Werke, Buddhastatuen sowie christliche Holz- und Marmorarbeiten, die eine Zeitspanne von 5000 Jahren umfassen. Jetzt befinden sich dazwischen herrlich glänzende, teilweise überdimensionierte Koons-Skulpturen in Knallfarben. 

Ein Kontrastprogramm der Extraklasse, das die einen begeistert und die anderen entsetzt. Eigentlich der passende Rahmen für einen wie Jeff Koons, der polarisiert wie kaum ein anderer und dem es laut eigenen Aussagen „vor allen Dingen um den Betrachter geht“. Seine Fans wissen genau das zu schätzen. Sie lieben seine Perfektion, seine Modernität, seine Vielfalt und seine Farben. Sammler zahlen bis zu zweistellige Millionenbeträge dafür. Kritiker hingegen sehen darin nichts anderes als teuren Ramsch, dessen Wert gerade mal den Zeitgeist überdauert und nicht nachhaltig ist – aber, wer kann das schon mit Sicherheit behaupten? Schließlich hielt man seine Arbeiten bereits vor über 30 Jahren für nicht zukunftsfähig, als er erstmals Staubsauger unter Plexiglas als Kunst zur Schau stellte (ein Exemplar ist übrigens auch im Liebieghaus zu sehen). Die Welt braucht ein bisschen mehr Koons, ein bisschen mehr Mut zum Anderen. Das Liebieghaus hat sich getraut und die Ausstellung „Jeff Koons. The Sculptor“ ist ein „must see!“. Noch bis zum 23. September.

Bildnachweis/Photocredit: Ausstellungsansicht, Liebieghaus Skulpturensammlung, Foto: Norbert Miguletz