Sonntag, 24. November 2013

Ein einfaches Mittel gegen den November-Blues? Gotthard Graubners Farbwelten

Eher zufällig kam ich an der Schwabinger Galerie von Walter Storms vorbei. Spontan entschied ich mich für einen kurzen Besuch. Und dann das – die Farbkissen von Gotthard Graubner.

Gleich beim Betreten strahlte mich eine gelbe Arbeit an. Ein etwa zwei mal zwei Meter großer Farbflash, der an einem grauen Novembertag besonders gut kommt. Und es wäre kein Graubner, wenn das Gelb einfach Gelb wäre, nein bei ihm hat es viele Facetten. Es zeigt sich mal in helleren, mal in dunkleren Tönen bis hin zu Orange. Dazu kommt das Volumen der Werke. Die breiten sich aus, die sind präsent, die nehmen Raum ein und der wurde ihnen hier ausreichend eingeräumt: pro Wand ein Bild.

Trotz sommerlichem Farbflash mein Favorit ist eine Arbeit in dunkelgrünen Schattierungen. Da taucht der Blick ein, fühlt sich wohl und will gar nicht mehr davon ablassen. Bis zum 25. Januar sind die Farbkissen in der Walter Storms Galerie zu sehen. In München gibt es bestimmt noch viele graue Tage. Also nutzt die Gelegenheit. Mehr über Gotthard Graubner könnt ihr hier in meinem Blog nachlesen.



Bildnachweis/Photocredit: 
luceo II, 2011; Mischtechnik auf Leinwand über Synthetikwatte auf Leinwand, 254 x 255 x 10 cm; courtesy walter storms galerie und Nachlass Gotthard Graubner

Samstag, 16. November 2013

Richard Artschwagers „blps“ kommen selten allein!


Sie kleben in Ecken, zieren Wände, Brücken und Gebäude, sind aus Plexiglas, Holz, Klebefolie, borstigem Haar oder einfach nur aufgesprayt, haben unterschiedliche Größen und lenken Blicke auf sich. Richard Artschwager hat den lang gezogenen Punkt, den er „blp“ taufte, 1967 in Kalifornien erfunden. Eigentlich hätte er zu seinem Markenzeichen werden können, aber das war offensichtlich nicht im Sinne des Erfinders. Der wollte sich wohl eher künstlerisch ausleben und keinesfalls festlegen – hier ein wenig Pop Art, dort eher konzeptionelle Richtungen und auch Minimal ist vertreten. Alles abgerundet durch eine ordentliche Prise Humor. 

Das macht eine Artschwager Retrospektive, wie sie derzeit im Münchner Haus der Kunst gezeigt wird, so spannend, so abwechslungsreich und auch so amüsant. Da hängt doch ein Portrait von Osama Bin Laden neben einem von George W. Bush und dreimal dürft ihr raten, wer von beiden zufriedener aussieht. Gemalt hat sie der Amerikaner auf Dämmstoffplatten, was dem Ganzen einen eigenen Charakter gibt. Das Material macht die Werke unscharf und den Blick darauf konzentrierter. Ähnlich ergeht es einem bei seinen Möbeln: unbespielbare Pianos, Bänke und Tische, an denen man gar nicht sitzen kann, und Kommoden, in die nichts hineinpasst. Dinge, die keinen Sinn ergeben und vielleicht gerade deswegen herausfordern genauer hinzuschauen. Oder das Ausrufezeichen als Satzzeichen ohne Satz hängt es überdimensioniert von der Decke. Nicht genug, dass es als Zeichen an sich schon eine starke, betonende Wirkung hat, ist es auch noch knallgelb. Wow! Und wenn der Wiener Philosoph Robert Pfaller in einem Interview (Monopol 11/2013) sich von den Künstlern eine Kunst wünscht „... , die für nichts anderes gut ist als für sich selbst ... und ihr die politisch wichtige Funktion zugesteht ... die Leute daran zu erinnern, dass auch sie nicht immer zu irgendetwas nützlich sein müssen“, dann tut Artschwager uns allen seit Jahrzehnten einen großen Gefallen.  














Der humorvolle Querdenker, der „philosophierende Schreiner“ (so wird er gerne bezeichnet, er hat nämlich neben einem Biologie-, Mathematik- und Chemiestudium auch noch eine Tischlerausbildung absolviert) und dreimaliger documenta-Teilnehmer (1968, 1982 und 1992) verstarb Anfang des Jahres im Alter von 89 Jahren. Das Whitney Museum in New York zeigte noch zu seinen Lebzeiten diese Retrospektive, die jetzt bis 26. Januar 2014 im Haus der Kunst zu sehen ist.

Tipp: Trefft euch zu einem Cocktail in der Goldenen Bar und lasst euch danach durch fünf Jahrzehnte Artschwager führen. Der nächste Kunst-Cocktail ist am 28. 11. 2013. Vielleicht habt ihr ja dann Lust auf einen eigenen „blp“ und wollt eure vier Wände damit tapezieren oder draußen irgendwo anbringen – Inspirationen liefert dieses Video. Eine Version zum Aufkleben kann man in der Museumsbuchhandlung ab 50 Euro kaufen. Aber Achtung: Der schwarze Punkt ist ganz schön dominant und bleibt selten allein.






Bildnachweise/Photocredits: 
Oben: Richard Artschwager, Locations, 1969; Formica on wood; and five blps made of wood; glass; Plexiglass; mirror; and rubberized horsehair, with Formica; Dimensions variable; Edition no. 84/90, Published by Brooke Alexander Editions and Castelli Graphics; Whitney Museum of American Art, New York; purchase with funds from the Dorothea L. Leonhardt Foundation, Inc. 94.52a-f; Copyright VG Bild-Kunst, Bonn 2013; Photograph by James Dee; courtesy Brooke Alexander, Inc.
Mitte v.l.n.r.: Piano Grande, 2012; Foto: Jutta Kautny; Richard Artschwager, Exclamation Point (Chartreuse), 2008; Plastic bristles on a mahagony core painted with latex (165,1 x 55,9 x 55,9 cm); Gagosian Gallery, New York; Copyright VG Bild-Kunst, Bonn 2013; Photo: Robert McKeever; Richard Artschwager, Sitting and Not, 1992; Acrylic and Formica on Celotex with painted wood frame (190,5 x 149,9 cm); Collection of Harriet and Larry Weiss; Copyright VG Bild-Kunst, Bonn 2013; Photo: Adam Reich; Richard Artschwager, Skulptur, Anfang 1990; Foto: Jutta Kautny 

Sonntag, 8. September 2013

Herrenchiemsee – wo Beuys, Warhol, Flavin, de Kooning, Baselitz & Co. Urlaub machen







































Der Rahmen stimmt, die Atmosphäre auch und das Ambiente erst recht – die „Königsklasse“ zu Besuch auf Herrenchiemsee. Nein, nicht in der pompösen Hauptanlage, sondern im Nordflügel. Bis vor ein paar Tagen hatte ich noch nicht einmal eine Ahnung von seiner Existenz. Dabei ist er weitläufig, erstreckt sich über zwei Stockwerke und versprüht mit unverputzten Wänden aus roten Backsteinen einen ganz eigenen Charme. Ein Kontrast zum Schloss wie er größer nicht sein könnte. Angeblich ging Ludwig II. beim Bau das Geld aus und deswegen wurde dieser Teil nie fertiggestellt.

Ideal für die Ausstellung Königsklasse“ und ein Glück für alle Besucher, denn die Werke kommen hier wunderbar zur Geltung. Das zeigt sich gleich im ersten Raum, wo ein nachdenklicher Andy Warhol (Selbstportrait, 1967) seinem deutschen Pendant Joseph Beuys (ebenfalls von Warhol, 1980) gegenübertritt, dazwischen eine Besucherbank mit Blick ins Grüne. Niederlassen und Teil der Konversation der beiden Künstler werden – keine Inszenierung, viel mehr eine durchdachte Komposition. Die große Lichtinstallation von Dan Flavin wirkt noch imposanter, die „BDM Gruppe“ (erstmals hier zu sehen) von Georg Baselitz als wäre sie für den Nordflügel gemacht und die Arbeiten von Willem de Kooning haben plötzlich noch mehr Präsenz ... Wie gut, dass die Münchner Pinakothek der Moderne eine Auswahl ihrer schönsten Arbeiten auf Urlaub geschickt hat und uns damit zu einem Ausflug an den Chiemsee lockt.

Tipp: Am späten Nachmittag anreisen. Dann sind die Touristenströme schon weiter gezogen und Herrenchiemsee wie auch die Ausstellung lassen sich in aller Ruhe genießen. Noch bis 29. September ist die „Königsklasse“ vor Ort, dann tritt sie die Heimreise an.








Bildnachweise/Photocredits: 
Oben v.l.n.r.: Foto: Jutta Kautny: Schloss Herrenchiemsee, Treppenhaus im Nordflügel, Foto: Peter Lion, Copyright: Bayerische Schlösserverwaltung; Ausstellungsansicht der Installation von Dan Flavin "Untitled (blue and red fluorecent)" (1970), seit 2013 Leihgabe des Dan Flavin Estate an die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen,Foto: Nicole Wilhelms, Copyright: Bayerische Staatsgemäldesammlung, Copyright: Estate of Dan Flavin / VG Bild-Kunst, 2013
Mitte v.l.n.r.: Andy Warhol (1928-1987), Self-Portrait, 1967, Siebdruck und Kunstharz auf Leinwand, 182,5 x, 182,5 cm, Copyright 2013 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts Inc./Artists Rights Society ARS, New York; Foto: Jutta Kautny; Georg Baselitz (*1938), Fingermalerei Adler, 1972, 249,5 x 180,3 cm, Copyright Georg Baselitz 2013 und Bayerische Staatsgemäldesammlungen
Unten v.l.n.r.: Ausstellungsansicht mit Arnulf Rainers "Kreuz" (1968-74), "Übermalung" (1956) und "Dreiteiliges großes Vertikalkreuz" (1968), Foto: Nicole Wilhelms, Copyright Bayerische Staatsgemäldesammlungen und Arnulf Rainer; Willem de Kooning (1904-1997), Stowaway, 1986, Öl auf Leinwand, 178 x 203 cm, Copyright The Willem de Kooning Foundation, New York/VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Donnerstag, 25. Juli 2013

Von Pferden, die Frischluft brauchen ... – ein typischer Maurizio Cattelan

Maurizio Cattelan – Ansicht der Ausstellung KAPUTT
„Mama, warum haben die Pferde ihre Köpfe durch die Wand gesteckt?“, fragte ein kleiner Junge in der Ausstellung. Die Antwort der Mutter: „Die schnappen frische Luft“. „Aber warum gehen die nicht einfach nach draußen?“ ... Bevor dieses Frage & Antwort-Spiel ins Endlose weitergehen konnte, zog sie ihren Sprössling aus der Ausstellungshalle.

Ein Dialog, der Maurizio Cattelan vermutlich gefallen würde. Ist er doch selbst immer für Humoriges, Unerwartetes gut – eine Galerieausstellung, die nicht stattfindet, eine Biennale-Zusage ohne Teilnahme, ein fulminanter Abschied vom Kunstbetrieb vor zwei Jahren mit einer umfassenden Retrospektive im Guggenheim Museum New York und jetzt die „Wiederauferstehung“ des 53-Jährigen mit der Ausstellung KAPUTT in der Fondation Beyeler. Okay, es sind keine neuen Werke. Die präparierten Pferde, die da an der Wand hängen als seien sie auf der Flucht (von wegen Frischluft schnappen), kennt man bereits. Im Quintett sind sie jedoch noch nie aufgetreten.

Werbemotiv – Skulptur
und Selbstportrait
Eine imposante Installation und doch irgendwie enttäuschend. Jeder, der es nicht besser weiß, erwartet mehr. Wenigstens die Arbeit, die das Plakat zur Ausstellung ziert, denn das ist gelernt: Was beworben wird, wird auch gezeigt. Aber natürlich nicht bei Cattelan. Und die Fondation Beyeler? Hier erklärt man, dass das Werk schließlich eine neue Zusammenstellung sei und erst nach der Installation so zu fotografieren gewesen wäre. Der Künstler aus dem norditalienischen Padua hat eben seinen eigenen Humor: Ein wenig böse, aber fast immer harmlos und ist der Überraschungsmoment erst verflogen, lässt es sich sogar richtig schmunzeln. Vermutlich brauchten Cattelans Pferde tatsächlich wieder einmal Frischluft.

Zu sehen noch bis 6. Oktober 2013 in der Fondation Beyeler, Riehen bei Basel

Tipp: Cattelans Magazin Toiletpaper – seit 2010 produziert es der umtriebige Künstler gemeinsam mit dem Modefotografen Pierpaolo Ferrari. Ein schräges „Bilderbuch“ und auf den ersten Blick überhaupt nicht komisch. Hier bekommt ihr einen Eindruck. Im Museumsshop der Fondation Beyeler kann man die 8. Ausgabe für 18 Schweizer Franken kaufen.



Bildnachweise/Photocredits: 
links: Auflage von 3 Exemplaren sowie 2 Epreuves d'Artiste von Untitled, 2007, Präparierte Pferde, Foto: Serge Hasenböhler, Basel  
rechts: Jutta Kautny






Sonntag, 23. Juni 2013

Unlimited – Kunst im XXL-Format auf der Art Basel 2013

Seit 2000 gehört die Unlimited ganz selbstverständlich zur Art Basel. Hier haben die an der Messe teilnehmenden Galerien die Möglichkeit Arbeiten zu zeigen, die die Größe eines traditionellen Messestandes bei Weitem übersteigen. Dieses Jahr präsentierte sich der Unlimited-Sektor noch gigantischer, denn die neu gebaute, von dem Architekten-Duo Herzog & de Meuron (beides gebürtige Baseler) entworfene Erweiterung der Halle 1 bot viel mehr Platz. 79 Kunstwerke konnte Gianni Jetzer, Kurator der Unlimited, in seinem Konzept unterbringen. Er entschied sich für ein Kontrastprogramm, das jedes Werk als einen Solitär behandelt, es nicht durch Vergleiche schwächt und „letztlich die Vieldeutigkeit heutiger Kunst reflektiert“ (nachzulesen in seinem Vorwort zum Katalog der Unlimited 2013). Das Resultat: Die Besucher durften sich treiben lassen, ihre Neugierde ausleben und bei Interesse einfach drauf zugehen, denn die Reihenfolge spielte keine Rolle. Der gesamte Bereich hatte etwas von einer documenta oder einer Biennale. Wunderbar! Ich freu mich schon auf die nächste Art Basel mit Unlimited. Hier ein kleiner Eindruck einer großen Show:

Bildnachweise/Photocredits: Jutta Kautny

Mit 22 x 7 Metern die größte Arbeit, die jemals auf der Unlimited gezeigt wurde: 
ein Ausschnitt der „Two into One becomes Three“ (2011) von Matt Mullican
Abgefahrener Farbflash (innen sieht es genauso aus),
Untitled (2013) von Aaron Curry 
Ein angekokelter Flügel und Einrichtungsgegenstände
eingesponnen in ein Netz aus schwarzen Wollfäden –
In Silence (2002/2013) von der Japanerin Chiharu Shiota
Schlafstätte designt von Ai Weiwei für die Chinesinnen,
die 2007 die documenta 12 besuchten, Fairytale 2007,
Ladies Dormitory (2007) 
Eine Hälfte der Arbeit Carnívoras (2012) von Adriana Varejao
(sorry, aber die war mit fast 13 Metern einfach zu breit für meine Kamera)
Passageways, Inside – Downside (2011/2012), 52 Messingschiffchen
platziert auf Reishäufchen, Reiseziel unbekannt, von Wolfgang Laib
Of bodies, armor and cages (2010-2012) hat die
Inderin Shakuntala Kulkarni ihre Installation mit
Figuren aus Schilfrohr genannt  
Machen Laune die vielen farbenfrohen Arbeiten
Not yet titled (2013) von Rob Pruitt in einem Raum
Ein Wohnraum bedeckt mit einer Schicht aus Erdstaub – unheimlich und doch
faszinierend – Purification Room (2000) kreiert von dem Chinesen Chen Zhen

Sonntag, 26. Mai 2013

Gotthard Graubner – Meister der „Farbkissen“

Gotthard Graubner bei der Eröffnung der Ausstellung
„Die Sammlung Gunter Sachs“, München, Oktober 2012
Vielleicht habt ihr den Nebelraum im Herbst letzten Jahres in der Münchner Villa Stuck besucht oder schon einmal bei der TV-Übertragung einer Ansprache des Bundespräsidenten in seinem Amtssitz, dem Schloss Bellevue, die riesigen wie farbige Kissen anmutenden Arbeiten an den Wänden im Großen Saal bemerkt? Beides sind Werke des am Freitag (24.5.) verstorbenen deutschen Künstlers Gotthard Graubner. Ich habe leider noch nie eine Ausstellung von ihm besucht, aber seine „Farbkissen“ sind mir häufig begegnet, auch auf Messen von Köln bis Basel, wo die größeren für sechstellige Beträge gehandelt wurden. Kein Wunder, denn sie scheinen eine besondere Aura zu haben. Vielleicht liegt's an dem Volumen, vielleicht aber auch an den einzigartigen Graubnerschen Farbwelten.

Bart, Hut, Anzug mit Weste und eine Taschenuhr an einer langen Kette waren sein Markenzeichen. Inzwischen gehörte auch ein Stock dazu. So sah man ihn noch im April die Art Cologne besuchen. Geboren im Vogtland, entdeckt in Düsseldorf, zweimaliger documenta-Teilnehmer (1968/1977), deutscher Vertreter bei der Biennale in Venedig (1982), Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie von 1976 bis 1992, lebte und arbeitete Gotthard Graubner bis zuletzt in Neuss. Am 13. Juni wäre er 83 Jahre alt geworden.


Bildnachweis/Photocredit: Jutta Kautny




Donnerstag, 23. Mai 2013

Rineke wer? Dijkstra!

Als ich zum ersten Mal von der Ausstellung „The Krazy House“ im Frankfurter MMK Museum für Moderne Kunst las, konnte ich mit dem Namen der Künstlerin nichts anfangen. Rineke Dijkstra geht schließlich nicht gerade leicht über die Lippen, geschweige denn ins Gedächtnis. Dabei gehört die Niederländerin laut Pressemitteilung zu den weltweit bekanntesten Foto- und Videokünstlerinnen unserer Zeit. Und tatsächlich kam mir beim Besuch der Ausstellung die ein oder andere Arbeit bekannt vor. 

Dijkstras Videoinstallationen verwandeln Teile des MMK zu einem Nachtclub mit super Sound. Hier tanzen jedoch nicht die Besucher, sondern Kids auf übergroßen Leinwänden. Ihr Dancefloor ist keiner, denn sie bewegen sich meistens ganz allein vor einer weißen Wand. Anfangs sind sie eher schüchtern, fast verunsichert und man leidet ein wenig mit ihnen. Wer mag schon solo und dazu in so einer sterilen Atmosphäre abtanzen, da kann die Musik noch so gut sein. Aber es passiert: Plötzlich legen sie los, haben offensichtlich Spaß daran sich darzustellen und demonstrieren ein unerwartetes Selbstbewusstsein. Sie sind cool! Die Besucher sitzen im Dunkeln und staunen. Fehlt nur noch ein Drink und die Szenerie wäre perfekt. Entstanden ist die Videoinstallation 2009 im Liverpooler Nachtclub „The Krazyhouse“. Ausgesucht wurden die Kids bei einem nächtlichen Clubbesuch der Künstlerin, gefilmt hat sie die Auserwählten jedoch tagsüber. 

Menschen in „anderen“ Situationen scheint das Thema der 53-Jährigen zu sein, die in Amsterdam lebt und arbeitet. Ob in Videos oder auf Fotos die Protagonisten erzählen von sich, ohne Worte. Das tut auch die kleine Ruth, die in ihrer Schuluniform auf dem Boden sitzt und äußerst konzentriert ein Picasso-Gemälde abzeichnet (dass es Picasso ist, weiß man übrigens nur, weil die Installation Ruth Drawing Picasso heißt). Minutenlang kann man vor diesem Video sitzen, dem kratzenden Geräusch des Bleistifts lauschen und sie beobachten. Oder die Porträtserie Almerisa, die die Entwicklung des fünfjährigen Flüchtlingsmädchens aus Bosnien bis hin zur jungen Mutter mit 19 Jahren dokumentiert. Allein über diese Aufnahmen könnte man Seiten schreiben, so viel an gesellschaftlicher Entwicklung steckt drin.

Rineke Dijkstra – ein Name, den ich mir jetzt garantiert merken werde. International bekannt sind ihre Arbeiten übrigens auch: Im letzten Jahr zeigte sie das Guggenheim New York und zu ihren Galerievertretern gehören so renommierte Namen wie Marian Goodman, deren Künstlerliste sich liest wie das Who is Who der zeitgenössischen Kunst, und Max Hetzler, der auch Koons, Struth und Förg im Programm hat. 

Das MMK in Frankfurt präsentiert mit „Rineke Dijkstra. The Krazy House“ die bisher umfassendste Ausstellung der Künstlerin in Deutschland, allerdings nur noch bis 26. Mai. Ist zwar nicht mehr viel Zeit, aber dafür, erlässt das MMK am letzten Wochenende den Eintritt. Die Führungen sind ebenfalls kostenfrei. Das ist doch was, oder?


Bildnachweis/Photocredit von oben nach unten:
Die ersten drei: Rineke Dijkstra, The Krazyhouse (Megan, Simon, Nicky, Philip, Dee), Liverpool, UK, 2009, 
Videostill, Copyright Rineke Dijkstra, Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin 
Rineke Dijkstra, Ruth Drawing Picasso, 2009,
Videostill Rineke Dijkstra, Copyright Rineke Dijkstra, Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin
Porträt Rineke Dijkstra, Foto: Gerald van der Kaap

Dienstag, 7. Mai 2013

Im Kosmos der Yoko Ono

Eintreten, ausprobieren und ehe man es sich versieht, ist man mittendrin. Wie die japanische Konzeptkünstlerin das schafft? Durch die Beteiligung der Betrachter – gewollt oder ungewollt. Nicht immer lässt sie den Besuchern eine Wahl. Oder vielleicht doch? Schon der Eingang zur Half-a-Wind Show in der Frankfurter Schirn macht es deutlich: Drehtür oder Perlenvorhang? Beides ist möglich, der Ausgang (bzw. Eingang) ungewiss. Das geht weiter mit Entscheidungen wie Hand rein stecken in die Danger Box oder nicht? Sich in den durchsichtigen Irrgarten wagen oder besser draußen bleiben? Die Konfrontation aufnehmen beim White Chess Set, dessen Schachfiguren alle weiß sind, oder aufgeben? Das ist die humorige Seite Yoko Onos. Ernster wird es zum Beispiel bei der Installation Cricket Memories, ein Mahnmal für die katastrophalen Verluste im Leben. Wer mag, kann eigene Erfahrungen in einem Buch niederschreiben. Ein Appell für ein friedliches Miteinander – auch das ist Yoko Ono.

Die vielen Facetten der Yoko Ono – mal humorvoll, mal politisch, mal feministisch, mal poetisch ... 






























Sie liefert uns Anregungen, fordert uns heraus, will das wir teilhaben, aber letztendlich bleibt es uns selbst überlassen, inwieweit wir einsteigen. Ich bin eingestiegen, habe in diesen drei Stunden einiges hinterfragt, mich aber auch köstlich amüsiert. Wollt ihr eine kluge Frau kennenlernen, mehr über euch selbst und Yoko Ono wissen und dazu eine tolle Ausstellung sehen – dann besucht Half-a-Wind Show. Eine Retrospektive und lasst euch treiben im Kosmos der Yoko Ono. Leider nur noch bis 12. Mai.

Alle, die es nicht mehr rechtzeitig nach Frankfurt schaffen, können sich die von der Schirn konzipierte Ausstellung auch in Dänemark (Louisiana Museum of Modern Art, 7. 6. 2013 - 29. 9. 2013), Österreich (Kunsthalle Krems, 20. 10. 2013 - 23. 2. 2014) oder Spanien (Guggenheim Museum Bilbao, 18. 3. 2014 - 17. 9. 2014) ansehen.

Bildnachweis/Photocredit: 
Yoko Ono, Porträt 2013, Copyright Schirn Kunsthalle Frankfurt 2013, Foto: Gaby Gerster 
Imagine, Strawberry Fields New York, März 2013, Foto: Jutta Kautny
Restliche Abbildungen: Half-a-Wind Show, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Mai 2013, Fotos: Jutta Kautny

 

Donnerstag, 4. April 2013

Thomas Schüttes „United Enemies“ im Central Park












































Thomas Schütte in NYC
Ob es einen Zusammenhang zwischen United Enemies und 
United States gibt, wurde Thomas Schütte in New York während des Artist Talks gefragt. Der 59-jährige Wahl-Düsseldorfer schmunzelte und verneinte. Die Idee zur Serie, wie auch der Name, sei ihm während eines Aufenthalts in Rom eingefallen. Damals (1992) hingen überall in der Stadt Plakate mit Benetton-Werbung und dem Slogan United Colors of BenettonSo einfach gestaltet sich manchmal die Namensfindung. Und doch so passend, denn sie lässt Spielraum für Interpretationen. Genau wie die Skulpturen der United Enemies Serie.

Nach Turin und London erheben sich jetzt die jeweils fast vier Meter hohen Bronzeskulpturen auf der Doris C. Freedman Plaza, an der Ecke Central Park South und 5th Avenue. Schön sind sie nicht, aber beeindruckend und auf eigene Art faszinierend. Kaum ein Passant, der sich nicht nach ihnen umdreht. Einige bleiben sogar stehen, um sich die merkwürdigen Skulpturen genauer anzusehen. Irgendwie berühren sie etwas in uns. Vielleicht sind es die viel gerühmten zwei Seelen in unserer Brust, die uns immer wieder aufrütteln, Entscheidungen erschweren und uns mal so, mal anders reagieren lassen? Es ist etwas Persönliches, etwas Vertrautes, das die United Enemies ausstrahlen und wer an der südöstlichen Ecke des Central Parks vorbei kommt, sollte sich dafür ein paar Minuten Zeit nehmen.

„United Enemies“ noch bis 25. August 2013 zu Gast in New Yorkorganisiert durch den New Yorker Public Art Fund.

Bildnachweis/Photocredit: Jutta Kautny

Montag, 25. Februar 2013

Du erhältst einen Anruf ...


Obwohl ich hier normalerweise nicht in Tagebuchform schreibe, möchte ich es heute ausnahmsweise tun. Warum? Weil ich glaube, dass meine Geschichte einige von euch interessiert, vielleicht sogar genauso begeistert wie mich und weil es eine richtig schöne Idee ist, über die es sich zu berichten lohnt.

Kürzlich hatte ich Geburtstag und bekam von einer lieben Freundin einen Umschlag mit der Nachricht: Du erhältst einen Anruf. Wieso? Von wem? Was soll das denn sein? Auf mein drängendes Nachfragen erklärte sie mir, dass ich Teil eines Kunstwerks sein werde. Hilfe, ich will nicht irgendwo nackt herumstehen, um danach mit vielen anderen auf einem Foto verewigt zu sein, schoss es mir als Erstes durch den Kopf. Und wenn, dann bitte im sonnigen Süden! Vielleicht plant Yoko Ono etwas? Würde auch Sinn ergeben, denn sie ist gerade in Berlin und hat dazu noch am gleichen Tag wie ich Geburtstag. Ich grübelte, kam aber zu keinem brauchbaren Ergebnis. Der Anhaltspunkt war ja auch mehr als dürftig. Zwei Tage später klingelte mein Telefon und ein Typ aus Berlin meldete sich. Er sei die Galerievertretung von Tino Sehgal und überbringe mir ein Geschenk. In meinem Kopf ratterte es los: Keine Dokumentationen, keine Bilder, keine Materialien, sondern Menschen kreieren Situationen und vermitteln anderen damit besondere Erfahrungen – dafür steht Sehgal. Schließlich hatte ich hier schon einmal über seinen documenta-Beitrag gepostet. Der Anrufer (seinen Namen habe ich leider in der Aufregung nicht mitbekommen, er möge es mir verzeihen) begann mit Erklärungen über eine Kooperation mit dem Kunstmagazin Monopol, den Künstler und seine Arbeiten. Oh, ich platzte fast vor Neugierde, fiel ihm ins Wort (normalerweise bin ich wirklich nicht so unhöflich) und fragte: Was ist das Geschenk? Er antwortete mit einem Lachen: „Ein Wort von 123 Wörtern, die einen Absatz ergeben. Den Inhalt kennt nur der Künstler selbst“. Das Wort wolle er mir nun telefonisch übermitteln. Tat es und verabschiedete sich. Wow! Ich schrieb es schnell auf ein Post-it, denn mir war klar, das war’s und eine schriftliche Bestätigung kommt garantiert nicht. Ein echter Sehgal eben!   

Jetzt bin ich im Besitz eines Wortes, das ich hier natürlich nicht verraten kann, das aber irgendwann mit all den anderen Wort-Besitzern zusammengeführt wird, sodass wir alle erfahren werden, was drin steht in dem Absatz. Ich bin Teil eines Kunstwerks, toll! Ein großes Dankeschön für dieses wunderbare Geschenk.

Für den Fall, dass ihr auch ein Wort kaufen oder verschenken wollt, bei der Monopol-Edition gibt's noch welche.